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Rede zum 27.Januar 2005, Gedenktag zur Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz

Ich begrüße sehr herzlich im Namen des Bündnis "Demokratie jetzt!" die hier anwesenden Überlebenden des Naziterrors; ich grüße aus der Ferne jene, die gerne gekommen wären, aber solche Strapazen nicht mehr bewältigen können;
ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter der BVV-CW und mit ihnen die Bezirksbürgermeisterin Frau Monika Thiemen;
ich begrüße sehr herzlich die Schauspielerin Frau Ursela Monn, die sich auf Anfrage, ohne lange nachzudenken, dazu bereit erklärt hat, unsere Veranstaltung durch ihre Teilnahme und mit einem Beitrag zu unterstützen; ich begrüße die Mitglieder des Bündnisses; alle Teilnehmenden dieser Gedenkfeierlichkeit; alle unsichtbaren Helferinnen und Helfer, ohne die eine solche Veranstaltung nicht zustande kommt.

Wie in diesen Tagen vielerorts durch die Medien in Erinnerung gerufen wurde, jährt sich an diesem Tag zum sechzigsten Mal der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz.

Seit vielen Jahren schon frage ich mich, wie es sein kann, dass die einen, die Überlebenden, sich noch immer durch die Nächte quälen, geplagt von Albträumen und peinigenden Erinnerungen, und die anderen, die Nicht-Opfer, also wir, die NS-Nachfolgegesellschaft sich - alles in allem - sehr schwer damit tut, diesem noch heute andauernden Leiden mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu begegnen.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich weiß um die Vielzahl der Reden, ich weiß um die breite Aufarbeitung in den Wissenschaften, ich weiß um das Engagement der ernsthaft Bemühten, aber was mir bis zum heutigen Tage fehlt, ist ein Innehalten aller Menschen. Über Bezirks- und Landesgrenzen hinweg:
als Ausdruck jener Sprachlosigkeit, die wir empfinden, empfinden müssten, wenn wir uns auch nur für einige wenige Augenblicke auf die Totalität dieses Grauens einlassen (würden!);
als Ausdruck unseres Mit-Gefühls vor dem Leiden und der Sprachlosigkeit der Opfer;
als Ausdruck dessen, dass diese Gesellschaft bereit ist, die Geschäftigkeit des Alltags für einen kleinen, wichtigen Moment zurückzustellen, anzuhalten, inne zu halten, vor diesem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, ausgegangen von deutschem Boden.

Es hat 10 Jahre gedauert, bis die politischen Vertreterinnen und Vertreter unserer Republik den anwachsenden Rechtsextremismus als ernst zu nehmendes Problem erkannt haben;
es hat über fünfzig Jahre gedauert, bis ein Gedenktag 27. Januar ausgerufen wurde;
es hat 60 Jahre gedauert, bis die Vereinten Nationen bereit dafür waren, eine Vollversammlung zu diesem Tag einzuberufen.
Und es sollte nicht mehr all zuviel Zeit ins Land ziehen, bis an diesem Tag vor den Opfern, den Überlebenden und ihren andauernden Leiden bundesweit geschwiegen und inne gehalten wird.

Wenigstens die letzten von ihnen sollten noch erleben dürfen, dass dies möglich ist: dass dieses Land, das Land der ehemaligen Täter und Täterinnen heute in der Lage ist, angemessen und in großer Zahl auf diesen schrecklichsten Ausschnitt seiner Geschichte zu reagieren ... indem es schweigt.

Ein Anfang ist gemacht, und wir werden sehen, wohin uns dieser Anfang in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren tragen wird.
Ich bin froh und dankbar darüber, dass die BVV Charlottenburg-Wilmersdorf in ihrer November-Sitzung des letzten Jahres einstimmig diese Schweigeminute beschlossen hat. Gleichwohl ging unser eigentliches Ansinnen noch etwas darüber hinaus:
Das Forum "Erinnern & VerANTWORTung" im Bündnis "Demokratie  jetzt!" hatte den Wunsch, dass heute, an diesem Tag für eine Minute die "Räder stille stehen" mögen, der Autoverkehr zum Erliegen kommt und alle äußere Betriebsamkeit vor der Außerordentlichkeit des Grauens: verstummt.
Die heutige Schweigeminute in den öffentlichen Einrichtungen des Bezirks verstehen wir als einen ersten Schritt auf diesem Weg und wir freuen uns darüber, dass Sie, die Sie hier mit uns versammelt sind, diesen Schritt mit uns gemeinsam gehen.

In tiefer Trauer verneige ich mich vor den Ermordeten, Geschundenen, Zerquälten.


© (Sz.)
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