FRAUENNETZWERK FÜR POLITIK, KULTUR & SOZIALES

Begrüßung zum 1. Marktplatz der Demokratie, Mai 2002

Guten Morgen, liebe Freundinnen und Freunde (alt vertraute und neu hinzugewonnene!), liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an unserem ersten "Marktplatz der Demokratie".
Sehr geehrte Stadträtin Schiedhofer, sehr geehrter Stadtrat Krüger, sehr geehrte Mitglieder der BVV, ...
Ich begrüße Sie und heiße Sie sehr herzlich willkommen zu diesem "Marktplatz der politischen Möglichkeiten", der Ihnen mit jedem der 35 Stände - und in jeder Spielart - sagen will:
"Handeln ist möglich!"

Dieser Tag heute ist nun schon das zweite Erlebnis, das inneren Jubel und Begeisterung auslöst, denn: mal wieder hat ein großartiges Team in wunderbarer Weise mit Freude, Eifer und "Leidenschaft für die Sache" den heutigen Tag vorbereitet. In dieser Größenordnung war es für uns alle das erste Mal, - und ich denke, Sie werden mir zustimmen: Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

Als sich das Bündnis "Demokratie jetzt!" dazu entschlossen hat, heute am 23.Mai 2002, also am TAG DES GRUNDGESETZES erstmalig einen "Platz der Demokratie" zu veranstalten, stand noch nicht fest, dass der us-amerikanische Präsident an diesem Tag ebenfalls in Berlin sein würde. Aber: Hätten wir uns dann anders entschieden? Ich denke, nein. Denn angesichts immer komplexer werdender Globalisierungs- und Europäisierungsprozesse - nicht zu vergessen die noch ausstehende tatsächliche Einigung von Ost und West - angesichts dieser Neuordnungsprozesse muss die Besinnung auf den Kernbestand unserer politischen Ordnung, wie er im Grundgesetz von 1949 festgehalten wurde, wichtiger genommen werden als jeder Staatsbesuch. Denn: Noch viel zu wenige wissen um diesen "Kernbestand" unserer - zumindest auf dem Papier durch und durch humanen - politischen Ordnung. Diesen Kernbestand Schritt für Schritt zu verwirklichen, ist unsere Aufgabe; bleibt der Auftrag aller gesellschaftlichen und politischen Vertretungen - egal, ob sie diesen Auftrag beruflich oder außer beruflich umsetzen.

Mir scheint, wir haben noch nicht wirklich begriffen, was der Artikel 1 des GG meint, wenn er sagt: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Armut, Ausgrenzung, Gewalt, Erfahrungen von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein tasten nicht nur die Würde viel zu vieler Menschen an, sondern zerstören sie, heute und in diesem Land, und noch sehr viel existentieller in den ausgebeuteten Ländern des Südens.

Das Charlottenburg-Wilmersdorfer Bündnis "Demokratie jetzt!" will sich diesen Umständen und Erfahrungen nicht ergeben sondern jene gesellschaftlichen Kräfte innerhalb des Bezirks aktivieren und sammeln, bündeln und vernetzen, die sich das Ziel gesetzt haben, den zuweilen vielleicht etwas abstrakt anmutenden Begriff "Demokratie" konkret zu übersetzen, und zwar als "Verwirklichung des demokratischen Grundgehalts unserer Gesellschaft durch aktive und selbst bestimmte Anwendung demokratischer Richtlinien", denn gemäß der Binsenweisheit: wo kein Kläger, da kein Richter, so könnte in gleicher Weise gelten: wo sich politische Bürgerinnen und Bürger nicht zeigen und artikulieren, nichts einfordern und nicht mitgestalten, da ist das politische Konstrukt, das Gerüst der Demokratie noch nicht mit Leben gefüllt, ist das Potential der Demokratie noch nicht entfaltet.

Deshalb: Demokratie jetzt! - weil ein Recht erst wirken kann, wenn es in Anspruch genommen wird!
Unser Bündnis wurde gegründet, weil wir die kleine, aber so bestimmende Welt vor unserer Haustür mitgestalten wollen; weil wir Ansprüche haben und diese gemeinschaftlich miteinander umsetzen wollen; weil es bei rund 320.000 Menschen in Charlottenburg-Wilmersdorf (ab 100.000 wird von einer Großstadt gesprochen!) mindestens ebenso viele Probleme und Bedürfnisse gibt, die jedoch nur durch gemeinsames Handeln gelöst oder erfüllt werden können.

Deshalb: Demokratie jetzt! - denn gemeinsam sind wir unwiderstehlich!
Das Bündnis "Demokratie jetzt!" strebt eine enge Zusammenarbeit mit den Bereichen Kinder-, Jugend - und Sozialarbeit, Schule, Ausbildung und Sport an, eine Vernetzung mit Vertreterinnen und Vertretern der Kommunalpolitik, des Bezirksamtes und freier Träger, sucht den Austausch mit der Polizei, der Justiz und den im Bezirk ansässigen Verbänden. Durch die Entwicklung geeigneter Konzepte und Projekte soll das demokratische Potential in alle Bereiche des sozialen, politischen und kulturellen Miteinanders vordringen.

Mit dem Marktplatz der Demokratie wird erstmals ein Forum geschaffen werden, das die Möglichkeit zu Austausch & Kommunikation, Verständigung & Vernetzung in Bezug auf bezirkliche Demokratie fördernde Aktivitäten eröffnet.

An den einzelnen Ständen finden Sie "Einladungen zum Dialog". Hier können Sie Impulse geben, Kontakte knüpfen und Informationen weitergeben.
Lässt man sich auf den Gedanken ein, dass die Demokratie erst noch verwirklicht werden muss und noch längst nicht erreicht ist, dann entsteht eine vollkommen neue - und wie ich finde - aufregende Perspektive: politisches Gestalten und demokratisches Handeln beginnen und enden dann eben nicht an der Wahlurne, sondern stehen als Herausforderung und Abenteuer am Eingang zum 21. Jahrhundert.

Der große Philosoph aus Königsberg Immanuel Kant definierte vor über 200 Jahren "Emanzipation" als den "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", und zu Mündigen zählte er jene "die sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen bedienen". Mündigkeit wird etymologisch aus dem altsächsischen Wort Mund abgeleitet und bedeutet Schutz. Das heißt, wer sich seines eigenen Verstandes bedient, kann der Welt geschützt(er) entgegentreten.

Das Bündnis "Demokratie jetzt!" hat Institutionen, Projekte, Initiativen zum heutigen Tag des Grundgesetzes eingeladen, damit sie auf ihr mündiges und Demokratie förderndes Engagement aufmerksam machen können; damit Interessierte aus den Bereichen Kinder-, Jugend- und Sozialarbeit, Schule, Ausbildung und Sport Anregungen finden und Kontakte für ihre weitere Arbeit knüpfen können; damit die breite Öffentlichkeit - Bürgerinnen und Bürger des Bezirks - die "demokratische Vielfalt" ihres unmittelbaren Lebensumfeldes kennen lernen können.

Ich wünsche nun unserem Bündnis, dass dieser Tag einen kraftvollen und vielleicht sogar Aufbruch-verheißenden Prozess innerhalb unseres Bezirks in Gang setzt und unserer weiteren gemeinsamen Arbeit ordentlich Schub gibt.

Ich wünsche allen Teilnehmenden, dass sie am Ende dieses Tages - mit mir - überwältigt sind von der Fülle und Vielfalt der aufgezeigten Möglichkeiten, sich zu beteiligen, mitzugestalten. Zu handeln.

Ich wünsche mir und uns für diesen Tag, dass sich die Gewitterwolken auf's flache Land verziehen (denn: Demokratie ist, wenn man's trotzdem wagt!); ich wünsche uns, dass der geplante Ablauf trotz Staatsbesuch einigermaßen zuverlässig stattfinden kann (denn: Demokratie ist, wenn man's gerade deshalb wagt!) und schließlich wünsche ich uns allen, dass wir einander wieder sehen, im nächsten Jahr am 23. Mai 2002 auf dem "Platz der Demokratie", zum TAG DES GRUNDGESETZES. Denn: Demokratie ist, wenn man's immer wieder wagt!


© (Sz.)
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