FRAUENNETZWERK FÜR POLITIK, KULTUR & SOZIALES

Zur Bündnisgründung am 27. Januar 2002

Als ich 1999 im Rahmen eines Projektes an der 1. Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik Berlin begann, mich eingehend mit den Auswüchsen rechtsextremer Gewalt - überwiegend ausgeübt von männlichen Jugendlichen - auseinanderzusetzen, stellte ich zweierlei mit Entsetzen fest:
Erstens: Immer mehr Menschen können sich in dieser Gesellschaft immer weniger sicher fühlen;
zweitens: die Öffentlichkeit nimmt keine Notiz davon.

Letzteres hat sich ein Jahr später verändert, - ausgehend vom so genannten Sommerloch war der Rechtsextremismus nun zu einem allgemein - zumindest besprochenen - Phänomen avanciert.

Durch meine Arbeit in besagtem Projekt lernte ich aber nicht nur die Schrecken kennen, sondern auch Strategien dagegen. Mit wem auch immer wir sprachen - wir besuchten u.a. das Zentrum Demokratische Kultur und die Amadeo-Antonio-Stiftung, sprachen mit StreetworkerInnen von Gangway, mit SozialarbeiterInnen Mobiler Beratungsteams aus Brandenburg, mit Staatsanwältinnen und der Polizei - es wurde beinahe einhellig geäußert, dass ein Handeln gegen Rechtsextremismus nicht nur möglich ist, sondern - bei entsprechender personeller und finanzieller Ausstattung der einzelnen Behörden und Einrichtungen - sogar nennenswerte Erfolge verzeichnet. Die Jugendlichen brauchen eine Reaktion, Antwort und Hilfe; die Menschen, die mit den Jugendlichen arbeiten ebenso.

Was also liegt näher, als die vorhandenen Konzepte zu sichten und so schnell wie möglich unter jene Menschen zu verbreiten, die aufgrund ihres Berufes mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Was also liegt näher, als einen Raum zu schaffen, in dem die Interessierten und Engagierten miteinander in ein Gespräch kommen können.

Deshalb veranstalteten wir im November 2001 die Fachtagung "Demokratie jetzt!" - Aktuelle Widerstandsformen gegen Rechtsextremismus. Womit wir das eine Bein hatten. Aber für einen richtigen Schritt braucht es auch noch ein zweites.
Und dieses zweite Bein könnte das Bündnis "Demokratie jetzt!" für Charlottenburg-Wilmersdorf werden. Das Bündnis - so die Idee - soll Forum und Aktionsplattform sein, ein Ort also, an dem gegenseitiger Austausch und die Weitergabe von Wissen ebenso seinen Platz finden soll wie die Entwicklung geeigneter Strategien für Demokratie und gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit - in Kitas und Jugendfreizeitheimen, in Schulen und Ausbildungsstätten.

Ausgehend von den Forschungsergebnissen der 2001 veröffentlichten Studie "Jugend und Demokratie" aus Sachsen-Anhalt, ist es angebracht, sich den Zusammenhang von Demokratie-Lernen und Konfliktfähigkeit bewusst zu machen:
Es wurde nachgewiesen, dass das Erlernen demokratischer Verhaltens- und Verfahrensweisen fremdenfeindliche und gewaltbereite Einstellungen maßgeblich verringert. In der Studie wird festgestellt, dass hierfür soziale Kompetenzen alleine nicht ausreichen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen in überzeugender Weise zu dem Schluss, dass eine Transformation des sozialen Lernens in Demokratie-Lernen erfolgen müsse, - genau unser Thema! - weil nämlich nur über diesen Weg jene Konfliktkompetenz erworben wird, die notwendig ist, um Konflikte gewaltfrei zu lösen, die notwendig ist, um am öffentlichen demokratischen Prozess wirklich teilnehmen und teilhaben zu können.

Im Vordergrund müssen demzufolge die Kooperation & Vernetzung zwischen den bezirklichen Gremien, Institutionen, freien Trägern und Projekten stehen, > zur Entwicklung geeigneter Strategien im Sinne einer besseren - weil praktischen "Anwendung" von Demokratie.


Noch zwei Anmerkungen zu den Daten unserer Veranstaltungen

1.) Unsere Fachtagungen veranstalten wir jeweils um den 9. November herum: als Hinweis und mahnende Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938, in der Hunderte ermordet, tausende Geschäfte jüdischer Menschen zerstört und deren Synagogen in Brand gesteckt wurden.
Am 9. November 1918 endete mit dem Ausrufen der Republik das Kaiserreich.
Am 9. November 1923 scheiterte Hitler mit einem Putschversuch in München.
Am 9. November 1989 fiel die Mauer zwischen Ost und West.

2.) Ganz bewusst haben wir den Tag der Bündnisgründung auf den 27. Januar gelegt: Heute vor 57 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Seit wenigen Jahren gilt dieser Tag als Gedenktag für die geschundenen und ermordeten Opfer des Nationalsozialismus. Es ist mir ein Bedürfnis, einen Moment inne zu halten und ihrer zu gedenken.

Wenn Sie es möchten, können Sie sich nun gerne mit mir erheben.

© (Sz.)
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