FRAUENNETZWERK FÜR POLITIK, KULTUR & SOZIALES

Begrüßung zur 2. Fachtagung, November 2002:
"Einmischen. Jetzt!"

Liebe Ruth Ellerbrock, sehr geehrte Damen und Herren der BVV, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der heutigen Fachtagung "Einmischen jetzt!" - Politische Beteiligungs- und Mitwirkungsformen für Kinder und Jugendliche in Charlottenburg-Wilmersdorf, liebe Referenten, Prof. Dr. Manfred Kappeler, Herr Michael Rump-Räuber, Herr Dsching Tian.

Ich darf Sie sehr herzlich im Namen des Bündnis "Demokratie jetzt!" zu unserer heutigen Fachtagung begrüßen.

Es ist nun schon die zweite Fachtagung, die in Kooperation mit dem Amt für Familie, Jugend, Schule und Sport, der Volkshochschule City West, dem Bündnis für Demokratie und Toleranz und dem Frauennetzwerk Ta Tzitzikia e.V. stattfindet.
Bei unserer letzten Fachtagung "Aktuelle Widerstandsformen gegen Rechtsextremismus" haben wir erkannt, dass das Richtige, der Mut, stets im Kopf anfängt: Mit einem geöffneten Geist und mithilfe von Menschen, die diesen Geist zu öffnen und zu bereichern helfen. Damit möchten wir heute fortfahren und Sie einladen, an diesem aufregenden Prozess teilzuhaben, - eben zu partizipieren!

Insbesondere Frau Ellerbrock und mit ihr den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Volkshochschule City West möchte ich von ganzem Herzen für ihre tatkräftige Unterstützung dieser Veranstaltung danken. Schon während der Vorbereitungszeit haben Sie uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden, aber darüber hinaus stellen Sie uns heute ihre Räume zur Verfügung, Materialien, die Technik ... und den Sekt, der im Anschluss an die Tagung gereicht wird. Danke!
Ich danke dem Bündnis für Demokratie und Toleranz für seine finanzielle Unterstützung dieser Tagung; Herr Arnold, der Geschäftsführer des Bundesbündnisses wird heute Nachmittag mit einem Grußwort die Tagung beenden.
Ganz besonders herzlich möchte die Gäste der 1. Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik Berlin begrüßen, denn auf Ihnen - als angehende Erzieherinnen und Erzieher - ruht ein nicht unwesentlicher Teil der Verantwortung dafür, wie die nachfolgende Generation aufwächst, in welchem Geist Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg in ein eigenständiges Leben begleitet werden.
Und wenn dieser Weg ab dem ersten Atemzug ernst genommen wird, dann kann er - so meine tiefe überzeugung - in ein erfülltes, selbst bestimmtes und freudevolles Leben münden. Aber ich will niemanden erschrecken mit der Wucht und Schwere von Verantwortung, denn alle, die heute hierher gekommen sind, haben nun auch die Chance, sich in einen neuen, unglaublich wichtigen und spannenden Dialog einzuschalten.

Wir werden heute hören, dass und wie es möglich ist, Kinder und Jugendliche auf ihren ersten, zweiten und dritten Schritten zu begleiten und zu unterstützen, und wir sollten uns immer wieder vergegenwärtigen, dass es nötig ist, alles in unseren Kräften stehende zu tun, damit die Erwachsenen von morgen diese unruhige äußere Welt sicher zu durchschreiten lernen.
Die Welt ist durch die neuen Kommunikationsmedien und den Prozess, den man allgemein die "Globalisierung" nennt, kleiner geworden und "das Andere" bzw. "die Anderen" sind näher an uns heran gerückt. Das erfordert von uns - mehr denn je - die Fähigkeit, anderen zuzuhören und mit ihnen gemeinsam Regeln für ein friedliches, menschenfreundliches, also demokratisches Klima zu entwickeln.
Das jedoch muss gelernt werden. Nicht nur von den Kindern und Jugendlichen, sondern zu allererst von uns selbst, die wir als Lehrende, als Erziehende, als Eltern oder politisch Handelnde mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.
Denn auch wir haben noch gelernt, in Hierarchien zu denken und diese anzuerkennen. Wir hinterfragen nur viel zu selten den Sinn oder Unsinn einer Anordnung, einer Zensur, eines Beschlusses. Und das führt in der Konsequenz zu einem alarmierenden Umstand: Viele glauben, was so ist, müsse auch so bleiben, da man ja ohnehin nichts ändern könne.
Falsch! In dem Moment, in dem wir begreifen, dass Demokratie mehr ist, als der Gang zur Wahlurne einmal in vier Jahren, in dem Moment beginnen wir die uns umgebende Welt in unsere Hände zu nehmen und können sie nun mitgestalten. Aber eben erst dann!
Kinder und Jugendliche verfügen über eine Vielzahl von Ideen, Vorschlägen und Inspirationen. Heute soll es darum gehen, Konzepte und bereits praktizierte Modelle der Mitbestimmung & Beteilung von Kindern und Jugendlichen vorzustellen, Modelle, die es ermöglichen, dass eben dieses Potential auch zur Entfaltung kommen kann. - Warum?
Weil man sich, indem man sich einmischt, als handelndes Subjekt erfährt, als mitgestaltender Mensch in Wort und Tat.
Weil Einmischen helfen kann, Unrecht zu verhindern. Denn hätten sich damals, vor nunmehr 64 Jahren in der Reichspogromnacht mehr Menschen eingemischt, als Hunderte ermordet und tausende Geschäfte jüdischer Menschen zerstört und deren Synagogen in Brand gesteckt wurden, wäre Millionen Menschen der Tod oder die lebenslange Pein der Erinnerung an die Qualen in den KZ erspart geblieben. Theodor W. Adorno spricht in seinem Vortrag "Erziehung nach Auschwitz" von der Kälte, die überwunden werden müsse, von der Kälte des sich nicht Einmischens: Er kommt zu dem Urteil, dass ohne diese Kälte, ohne diese Gleichgültigkeit gegen das, was mit allen anderen geschieht - außer den paar Menschen, mit denen man eng verbunden ist - Auschwitz nicht möglich gewesen wäre.
Wir müssen uns also einmischen, weil jedes Einmischen auch ein Einsatz für mehr Wärme und mehr Miteinander ist, denn wer sich einmischt, hat die Hoffnung auf "das Gute im Menschen" noch nicht aufgegeben, sondern ringt um eine Verbesserung der ihn oder sie umgebende Umstände.
In einer Zeit, in der jede/r an Technologie - Rationalisierung - oder Globalisierung schier ausgeliefert zu sein scheint, ist es umso wichtiger, innerlich das Ruder herumzureißen und den Blick darauf zu richten, was wirklich wichtig ist: die Entwicklung der Mündigkeit eines jeden Menschen, damit jeder Mensch das sagen, und äußern und umsetzen kann, was sie/ihn betrifft.
Zu guter Letzt: Einmischen macht Spaß! Und an eben dieser Gestaltungsfreude möchte wir so viele wie möglich teilhaben lassen.
Und weil Mädchen und Frauen, Jungen und Männer sich unterschiedlich einmischen, haben wir den "Gender-Mainstreaming-Aspekt" in diese Tagung eingearbeitet, das heißt, wir wollen, gemäß des EU-Vertrages von 1997, dem sog. Vertrag von Amsterdam - in jedem Vortrag und in jedem Fachforum die unterschiedliche Beteiligung von Mädchen oder Frauen, Jungen oder Männern thematisieren und reflektieren.



Und nun ist es mir eine ganz besonders große Freude, Ihnen Gabriele Hubert-Taddiken als Tagungs-Moderatorin anzukündigen. Sie wird uns heute durch den Tag führen und begleiten.
Jeder junge Mensch dieses Bezirks sollte sie kennen, - und diejenigen, die mit jungen Menschen arbeiten, ebenso. Denn:
Sie ist die Ansprechpartnerin für Mädchen und junge Frauen qua ihres Amtes als Geschäftsführerin der AG Mädchen und junge Frauen in Charlottenburg-Wilmersdorf. Und in diesem Zusammenhang veranstaltet sie nicht nur großartige Mädchenfeste!
Man kann sich auch bei ihr melden, wenn man Berufe einfach mal ausprobieren will, ganz, ohne sich festzulegen.
Außerdem ist sie eine der Haupt-Koordinatorinnen unseres Bündnis "Demokratie jetzt!" - und schließlich ist sie die Koordinatorin des heutigen Tages, wofür ich ihr an dieser Stelle von Herzen danken möchte!



Bevor ich nun aber endlich das Wort abgebe, möchte ich Sie auf ein Buch aufmerksam machen, das auch als Einmischung zu verstehen ist. Als Jürgen W. Möllemann sich nicht scheute, antisemitische Ressentiments wiederzubeleben, ergriff Nea Weissberg-Bob die Initiative, sammelte Beiträge und Interviews und gab das Buch heraus: "Was ich den Juden schon immer mal sagen wollte ...". Das Buch ist heute - zu einem extra günstigen Tagungspreis - hier zu erstehen.


© (Sz.)
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