FRAUENNETZWERK FÜR POLITIK, KULTUR & SOZIALES

Begrüßung zur 4. Fachtagung, November 2004:
"Kampf der Kulturen" oder "Leben in Vielfalt"?

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, liebe Veranstalterinnen und Veranstalter, liebe Mitwirkende der Fachtagung: " Kampf der Kulturen" oder "Leben in Vielfalt " ?

Bereits zum vierten Mal darf ich Sie herzlich zu Beginn einer Fachtagung begrüßen, zum dritten Mal nun schon im Namen des Bündnisses "Demokratie jetzt!", das aus unserer ersten Fachtagung hervorgegangen ist.

Wir möchten heute mit Ihnen jene Möglichkeiten und Schwierigkeiten thematisieren, die mit dem Leben in einer multikulturellen Gesellschaft einhergehen.
In den vier Fachforen sollen darüber hinaus mit jeweils unterschiedlichen Akzentsetzungen auch ganz konkrete Hilfestellungen für das interkulturelle Miteinander aufgezeigt und diskutiert werden.

Wie in jedem Jahr richten wir uns mit der Fachtagung - die für mich inzwischen so etwas wie ein "Familienfest" geworden ist - an LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen; an MitarbeiterInnen der Bezirksverwaltung, an SchülerInnen, Studierende, Azubis, an das Kinder- und Jugendparlament, kurz: an alle, die an politischer Bildung und an politischem Handeln interessiert sind.
Denn zum einen wollen wir uns selbst ganz konkret "schlau machen", und zwar zu den Themen, die als aktuelle Probleme, Konfliktlagen oder auch als neue Möglichkeiten in unserer direktes Lebensumfeld hineinragen; und zum anderen möchten wir all jene Menschen miteinander in Kontakt bringen, die aus ihrem beruflichen oder zivilgesellschaftlichen Engagement heraus mitgestaltend auf die Belange dieses ihres Lebensumfeldes reagieren wollen.



Die Fachtagung liegt stets nahe am 9. November, womit wir auf den 9. November 1938 verweisen möchten, das Datum der Reichspogromnacht, in der - als Vorläufer eines später noch viel größeren Grauens - Hunderte ermordet, tausende Geschäfte jüdischer Menschen zerstört und deren Synagogen in Brand gesteckt wurden.
Das Wissen um die Greuel des Nationalsozialismus - eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte - ist uns Mahnung und Auftrag, alles in unseren Kräften stehende zu tun, um Dumpfheit, Ausgrenzung und Unmenschlichkeit - in welchem Gewand auch immer sie sich zeigen mögen - entgegen zu wirken.



Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks zu Beginn der 1990er Jahre verlor die Weltordnung ihre beiden bis dahin stabilisierend wirkenden Pole von Ost und West. Etwas lax ausgedrückt, könnte man sagen: Die einstige Ordnung ist aus den Fugen geraten und nun werden die Karten neu gemischt.
Nicht mehr die zwei Pole Ost und West bieten den einzig möglichen Orientierungsrahmen, sondern - so Henry Kissinger - das internationale System des 21. Jahrhunderts wird mindestens sechs Großmächte aufweisen: Die USA, Europa, China, Japan, Russland und wahrscheinlich Indien (vgl. Huntington, S. 21). Aus der bipolaren bildet sich eine multipolare Weltordnung heraus.

Diese weltpolitische Perspektive muss man für kurze Augenblicke einnehmen, um zu verstehen, dass diese enormen Verschiebungen nicht ohne Auswirkungen auf die einzelnen Mächte und Staaten bleiben; um zu verstehen, dass in diesem neuen Ringen Kräfte aufeinanderprallen, die zuvor durch die beiden Machtblöcke Ost und West "sauber" - will sagen: ideologisch - voneinander getrennt gehalten blieben. Nun treffen aber nicht nur "Mächte", "Kräfte" und "Pole" aufeinander, sondern vor allem und ganz konkret: Menschen.

Menschen überschreiten im Rahmen einer sich immer stärker globalisierenden Welt Landesgrenzen und Kulturkreise und treffen nun mit ihren so unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie die Welt sich zu drehen hat, auf andere Menschen, mit deren jeweils anderen Vorstellungen.

Und an dieser Schnittstelle stellt sich die Frage, wie wir dieses Aufeinandertreffen, diese Konfrontation der unterschiedlichen Lebensbetrachtungen - gespeist aus Religionen, Traditionen und Wertevorstellungen - einordnen; ob wir uns angesichts der gravierenden Unterschiede in einem "Kampf der Kulturen" wähnen, wie Samuel Huntington es seit 1992 für möglich hält oder ob wir uns auf ein "Leben in Vielfalt" einlassen.

Aber: Darf man die Frage überhaupt auf ein "Entweder-oder" zuspitzen oder verkürzt man damit nicht in unzulässiger Weise die Komplexität der gestellten Herausforderung und verhindert dadurch den dringend notwendigen Dialog und mit ihm: die Chancen?

Wir haben den Titel für diese Fachtagung ganz bewusst und (zugegeben) ein wenig polemisch gewählt und insofern gar nichts dagegen, wenn am Ende dieser Tagung eine differenziertere Betrachtung des Spannungsfeldes von interkultureller Annäherung und Verständigung aufscheint.

Aus diesem Grund haben wir für die heutige Veranstaltung Expertinnen und Experten eingeladen, die sich seit vielen Jahren schon um den Dialog zwischen den Kulturen bemühen, die um die Chancen des interkulturellen Miteinanders ebenso wissen wie um die Anstrengungen und Gefährdungen; die bereit sind, heute mit Ihnen Begriffe zu klären, Vorurteile und Zuschreibungen aufzudecken und die aufgrund ihrer Erfahrungen in der Lage sind, Wege und Methoden durch die "Verwirrung" hindurch aus der "Verblendung" heraus aufzuzeigen, wofür ich ihnen schon jetzt von Herzen Dank sagen möchte!



Charakteristisch für das Grundkonzept unserer Tagungen ist: Das Ende der Tagung bedeutet selten das Ende der Auseinandersetzung.

Im Gegenteil:
 
1. Das schönste Ergebnis unserer ersten Tagung bestand in Gründung unseres Bündnisses.
2. Die Ergebnisse der Gender-Mainstreaming Fachtagung fließen seit dem letzten Jahr ein in weitere Tagungen & Schulungen von MitarbeiterInnen des Bezirkes und schlagen sich nieder in Ausführungsverordnungen zur Umsetzung des Gender-Mainstreaming.
3. Und auch heute werden Ihre Gedanken, also die Ergebnisse der heutigen Fachtagung zusammengetragen und der Migrantenbeauftragten Azize Tank übergegeben, damit sie in ihrer weiteren Arbeit als Impuls und Auftrag berücksichtigt werden können.
4. Eine AG für interkulturellen Kompetenz hat sich kürzlich in Kooperation mit unserem Bündnis "Demokratie jetzt!" gegründet. Geplant ist u.a. der Aufbau einer Datenbank für Informationen, Austausch und Vernetzung sowie die Erstellung von interkulturellen Leitlinien für Charlottenburg-Wilmersdorf.



Ein Letztes (aus aktuellem Anlass):

Im Jahr 1979 erklärte Ayatollah Khomeini den letzten Freitag im Monat Ramadan zum internationalen Kampftag zur "Befreiung" von Jerusalem (Al-Quds) und gegen Israel. Am "Al-Quds-Tag" sollten fortan die Muslime weltweit gegen die Existenz des jüdischen Staates demonstrieren. Bis heute veranstaltet die iranische Staatsführung an diesem Tag jährlich eine zentrale Kundgebung in Teheran, die Hizbullah eine Militärparade in Beirut und von Manila bis Jakarta und von Berlin bis London und Toronto finden Demonstrationen statt, auf denen die Vernichtung Israels gefordert wird.

Die politischen Lehren von Ayatollah Khomeini und anderen Vertretern des Islamismus gehen uns deshalb alle an - egal woher wir kommen und an welchen Gott wir glauben oder nicht glauben. Erstmals wandte sich vor diesem Hintergrund im vergangenen Jahr eine breite Koalition von deutschen und nichtdeutschen Aktivisten öffentlich gegen die "Al-Quds-Tag" Demonstration in Berlin.

Morgen, am 13. November um 10.00 Uhr, Ku-Damm, Grohlmann-/Ecke Uhlandstraße wird abermals eine Kundgebung (in Kooperation mit einem Berlin weiten Bündnis) aus Anlass des Al-Quds-Tages stattfinden.
Dort wenden wir uns explizit gegen jegliche rassistische Stigmatisierung von Muslimen in westlichen Gesellschaften und treten für eine liberale Migrationspolitik ein.
Gleichzeitig wird dazu aufgefordert, der islamistischen Ideologie und all ihren VertreterInnen entschieden entgegen zu treten. Insbesondere sollten dabei die Bemühungen von MuslimInnen unterstützt werden, die den Islamismus als das bekämpfen, was er ist: ein politischer - und zum Teil auch militant durchgeführter - Angriff auf die Universalität der Menschenrechte.



Ich wünsche nun Ihnen und uns eine anregende Tagung, Antworten auf Fragen, die Sie sich schon immer gestellt haben und: neue Fragen!
Denn Fragen bringen m. E. stets zweierlei zum Ausdruck: Zum einen das Eingeständnis, dass es da etwas gibt, was ich noch nicht weiß und zum anderen den Wunsch, etwas Neues wissen und erfahren zu wollen.

Solange wir voneinander noch etwas wissen wollen, uns noch nicht für fertig sondern für fehlbar halten und uns auf den Weg zu einem Gegenüber machen können, bleibt der Weg der Verständigung offen und begehbar.


© (Sz.)
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